Samstag, 15. September 2007

Die Würze liegt im Detail

Eigentlich sollte dieser Eintrag seit letztem Freitag (ist das wirklich schon 4 Tage her?) den Titel "Wärmepumpe ade" tragen. Da war Treffen mit Herrn Energieexperte. Dieser hat sehr sachlich und sehr emotionslos (naja, bis auf das 'Nebengebiet' Kernkraft) informiert. Das Kapitel Wärmepumpe war naturgegeben am intensivsten besprochen worden.

Ökonomisch sinnlos. OK, das lasse ich mir noch verklickern. Zwar glaube ich, und wir befinden uns hier im Glauben, nicht im Wissen, dass die Preise sowohl der Pellets als auch von Gas stärker steigen werden. Aber meine betriebswirtschaftlichen Wurzeln sind noch ausreichend genug vorhanden um zu wissen, dass halb Privat-Deutschland im energiebilanzlichen Konkurs landen müsste, bevor sich meine Investition aus dieser Sicht rentiert.

Die Investition, von denen Herr Architekt und Herr Energieexperte sprachen, erschienen mir recht hoch, aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war die Ökololgie. Natürlich sind mir die deutschen Strom-Vorbehalte bekannt. Aber ich spreche französisch und habe mich in den entsprechenden Websites umgeschaut. Warum wird in Frankreich in Sozialbauten oder in Renovierungen mit Strom geheizt? Ein Blick auf die Kosten offenbart uns: der Strom ist dort viel billiger. Eines Tages (ungefähr 1012) werde ich die entsprechenden Links übersetzen. Heute nur soviel: diese Stromheizungen werden dort auch noch als besonders ökologisch gepriesen. Huch. Ja, die Franzosen sind ein eigenwilliges Volk und wollen sich nicht in Abhängigkeit anderer Nationen begeben. Das Stichwort lautet Kernenergie. Dazu mag man stehen, wie man will. Herr Energieexperte kontert mir natürlich mit seinem Studium und Halbwertzeiten. Ich frage ihn (als Mutter), was uns denn momentan die größte Sorge bereite. Halbwertzeiten oder CO2?

War er einmal im Ruhrgebiet und hat die Häuser gesehen, durch die Risse gehen? Die Mondlandschaften mit gigantischen Maschinenapparaturen? Er antwortet mir mit "kontrollierter Verbrennung" und besteht darauf, dass Pellets ökologischer sind als Wärmepumpen. Der von den Pellets abgesonderte Feinstaub sei ein ganz anderer als der von Zigaretten oder offenen Kaminen (aber klar doch), und die Wärmepumpe brauche Strom, der würde mit Gas, Öl oder Kernkraft erzeugt. Meine Photovoltaik hält er für pillepalle, da könne ich auch in Norddeutschland in eine Windenergieanlage investieren.

Na dann auch schön, im Grunde kommen Herr Architekt und Herr Energie-Experte zu dem Fazit, dass Gas momentan die sinnvollste Lösung sei. Ha? Wüüü büüdddde? Ich und Herr Putin, das wird im Leben nix.

Es gäbe Anlagen, die verkaufe er mir heute nicht, weil seine Kunden keine Versuchskaninchen seien. Aber sobald sich die Gas-Anlage abgeschrieben hätte (das macht die trotz Putin am schnellsten), könne ich problemlos auf diese Anlage umschalten und würde damit dann die halbe Menschheit retten. Den Namen habe ich vergessen.

Warum lasse ich mich auf all das ein? Ökologie, meine Damen und Herren. Ein einziges Argument: Bis der Strom bei mir ankommt, verliert er 2/3 in der Leitung. Also benötigt meine Pumpe in Wahrheit drei Mal mehr als mir der Ticker anzeigt.

Ernsthaft, das hat mir am Freitag die Gasheizung fast ins Haus gestellt. Trotz notwendigem Raum und Kamin. Trotz Herrn Putin. Wir dämmen vernünftig (obwohl Herr Wärme-Experte noch 30cm mehr wollte) und dadurch wird Herr Putin nicht mal merken, dass wir Kunde bei ihm sind. Sollte er die Preise vervierfachen, werden wir davon immer noch keine Erdwärme finanziert haben.

Am Wochenende dann wollte ich diese Erkenntnisse im blog veröffentlichen. Verbrauchen wir wirklich zu wenig, als dass eine Wärmepumpe sich ökologisch rechnet? Pellets kommen nicht in Frage, weil wir eine Nase haben. Und wer es befürwortet, den Strom aus einem Kohlekraftwerk statt einem Kernkraftwerk zu beziehen, wird mich da nicht verstehen wollen. Wieviele Zigaretten muss man rauchen, um mit dem Feinstaub einer solchen kontrollierten Verbrennungsanlage gleich zu ziehen? Das schaffe ich nicht, sorry.

Dann müssen die Pellets aus irgendwas produziert werden. Pappeln werden in Österreich dafür angebaut, aber in keiner Monokultur. Haha, ich kenne das gelbe Rasp-Monokultur-Phänomen . Schließlich bin ich (inclusive Sophie) jeden Sommer gelb. Sollte Herr Wärme-Experte überall so argumentieren, haben wir bald die Pappel-Monokultur. So wie die Raps-Felder ohne die dazugehörigen Raps-Autos.

Der Betrag, den ich mit einer Gas-Heizung sparen würde, ist beachtenswert. Herr Wärme-Experte klingt verlockend, wenn er meint, dass ich ihn in seine nordischen Windprojekte investieren könnte. Aber pardon, auch unser Budget hat ein Limit und wir werden nach dem Hausbau nicht weiter investieren. Sondern ganz schwäbisch tilgen. Bis alles uns gehört. Schwaben mögen es nicht, wenn ihr Haus der Bank gehört. Und sei das alles noch so ökonomisch unklug. Wir glauben an Nebenkosten, und Banken wollen auch leben. Dürfen sie. Aber nicht freiwillig von uns.

Bis gestern (also drei Tage brutto) lasse ich dieses Gespräch wirken. Die Schweizer, die Schweden - alles Dussel, weil sie auf Erdwärme setzen und nicht wissen, was sie der Umwelt damit antun? Die vielen Fertighaus-Bauer, die ihre Wärmepumpe für viel weniger Geld als ich erhalten? Warum benötige ich mehr Bohrungsmeter (die natürlich auch mehr kosten) als zuvor für den windigen Altbau?

Montag (also gestern) telefoniere ich mit einem geschätzten Verwandten, der vor vier Jahren gebaut hat und mir das Energie-Büro empfohlen hatte. Zwei ganz andere Themen:
  1. Zentrale Lüftung -> trockene Luft
  2. Kühlung
Zentrale Lüftung

Mein Studium diverser Bautagebücher veranlasste mich zur zugegeben misstrauischen Vermutung, dass eine kontrollierte Belüftung für ein trockenes Raumklima sorgt. Das kann wiederum meine Hausärztin überhaupt nicht leiden. Ich inzwischen auch nicht mehr - die Krankheitsgeschichte erspare ich dem geneigten Leser. Herr Wärmeexperte versteht genau, worum es mir geht. Originalaussage: "bei mir kommt die Luft so im Raum an, als hätten Sie das Fenster geöffnet."

Wir schlafen erfolgreich bei geöffnetem Fenster ohne Heizung, das klingt ja beruhigend. Erwähntes Telefonat mit geschätzem Bau-Verwandtem, der uns das Büro empfohlen hatte, offenbart: sie haben im nachhinein in die Befeuchter-Option investiert. Befeuchter, ja prima. Das klingt unhygienischer, als einfach das Fenster zu kippen. Was man bei KW xy nicht darf, sonst kippt das ganze System. Verzweifelte Frage an alle kontrollierten Belüftungs-Experten: wie trocken ist Eure Luft und was tut Ihr dagegen?

Kühlung

Wir wohnen in einem Mietwohnheim nach ökologischsten Standards: ewig dicke Dämmung und viele Fenster nach Süden. Beobachtung nach acht Jahren: Sonne heizt sofort ungebremst auf, im März oder so. Dann geht sie schlagartig am Nachbargebäude unter.

Subjektives Wohlempfinden: erst knalleheiß, dann affenkalt.

Versuche, die Heizung in der ersten Phase herunterzuschrauben, helfen nichts, machen in der zweiten Phase alles noch viel schlimmer. Der Schweiß ist noch nicht getrocknet, da überfällt uns die Eiseskälte. Fußbodenheizungen sollen bekanntlich träge sein. Wir haben normale Heizkörper. Bis die den Raum nach solchen (leider üblichen) Sonnenattacken erwärmt haben, sind wir am schlottern. Noch nie in meinem Leben habe ich innerhalb eines Tages so viele Schichtenklamotten getragen und trotzdem gelitten.

Also sage ich Herrn Wärme-Experten, dass für mich ein Wohlfühlklima nicht nur aus Wärme besteht, sondern auch aus Kühle. Er nickt, scheint mich verstanden zu haben. Und will noch mehr dämmen. Aber wir haben die Fensterfronten nach Süden, die er so dolle findet. Wie gehen wir damit um? wir haben sie ja schon durch Überdachung verschattet, aber deutscher März mit tiefstehender Sonne ist tückischer als der August. Schon seit zwei Jahren frieren wie konstant im August (lässt sich beheben, da August) und schwitzenschlottern im März.

Betonkernaktivierung holt in heißen Phasen kühles Wasser aus der Zisterne und kühlt damit die Decke. Unser bauerfahrener Verwandter hat nach vier Jahren ein System gefunden, mit dem er es im Nachhinein noch installieren kann. Jaaa - die Pumpe braucht dreimal mehr. Aber wir verglühen nicht. Herr Wärme-Experte hatte diese Art Aktivierung als sauteuer abgetan. Bau(m)herrin ruft den entsprechenden Beton-Experten an und irgendwie ist es nicht mehr so teuer. Im Gegenteil: was als Mehrkosten bisher genannt wurde, ist das zehnfache dessen, was diese ökologisch interessante Art von Kühlung kostet.

Heute ein kurzes Intermezzo bei Herrn Architekt. Er hatte die Argumentation des Herrn Wärme-Experten für sinnvoll gehalten. War mit Gas völlig glücklich, weil wir das Geld dann an anderer Stelle (keine nordischen Windanlagen) investieren könnten. Auf einer anderen Baustelle traf er einen Herrn Erdwärme-Experten. Der kam mit viel vernünftigeren Kosten und die Stromverlust-Theorie hat sogar ihn beeindruckt. Wir werden uns zusammensetzen. Denn in dem anderen Bauvorhaben liegt das Stromwerk ein paar Hundert Meter entfernt. Und unsere Stadtwerke sind berüchtigt für ihre geringen Leitungsverluste. Alles wieder anders?

Wir haben beschlossen, dass es keinen Sinn macht, die Welt für unseren Nachwuchs zu retten, wenn unser Nachwuchs dabei verglüht und dann erfriert. Dass auch Experten von etwas leben müssen, und sei es ihre Abneigung gegen Kernkraft, die ahnungslose Bau(m)herren direkt in Putins Arme lenkt.

Dass man vor Experten und dem Gericht in Gottes Hand ist.

Nastrowje




wumm

Kommentare:

travel girl hat gesagt…

Katrin:
I so wish I could read your posts! I was just re-reading some comments you left me last year. They were so dead on correct. Seriously, they couldn't have been more accurate.
How are you? Are you well?
tg

Hendrik42 hat gesagt…

Tja. Wow. Da haben sie Dir ja wohl gegeben, was?

Also, ich sag mal was dazu. Erstmal zum Thema Strom, da habe ich mich schon in der Vergangenheit geäußert:
http://hendrik42.twoday.net/stories/2648687/

Inzwischen ist EnEV-offiziell der Primärenergiebedarf für Strom nicht mehr 3, sondern 2,7. Er wird noch weiter fallen. D.h. jede WP, die eine JAZ von 2,7 oder besser hat, ist besser als Gas und Gas ist besser als Öl. Und Pellets sollte man für die Leute "aufsparen", die ihren Altbau nicht auf KfW60 Standard oder besser bekommen. Denn irgendwann werden sonst Pellets von sonstwoher importiert werden müssen und das wird nicht sehr ökolögisch sein. Und extra Filter wegen Feinstaub sind noch nicht vom Tisch.

Dann zum Thema Lüftung. Wenn gekippte Fenster für Dich ok sind, dann willst Du vielleicht eine KWL mit dezentraler Zuluft? Da kommt die Luft "frisch" von draußen rein. Wir leben damit jetzt schon fast drei Jahre und würden es nicht mehr her geben.
Meine Gedanken dazu hier:
http://hendrik42.twoday.net/stories/1628131/

Oder eine KWL mit Enthalpie-Rückgewinnung, wo also auch die Feuchtigkeit zurück gewonnen wird. Die Systeme sind aber nicht billig.

Nocheins: FBH träge. Richtig, aber sowas von egal. Denn eine auf niedrige Vorlauftemperaturen ausgelegte FBH (35°C max oder weniger) lässt man eh durchlaufen, Aufheizen kostet doch mehr Energie als Durchheizen, jedenfalls, wenn man kein überdimensioniertes Heizsystem hat. Da das aber für den Bestand normal ist, kann man dort auch mit Nachtabsenkung usw. was sparen. Aber nicht mit einem modernen Heizsystem.

Stelle mehr Fragen, durchdringe das Thema bzw. die Themen genauer und Du wirst schon zu Deiner eigenen Meinung kommen.

Gruß, Hendrik

:: Katrin hat gesagt…

Hi Hendrik,

Du warst mein drittes Weihnachtsgeschenk dieses Jahr - obwohl die Bescherung erst morgen stattfinden sollte.

Meine Festplatte war gecrasht, in der Zwischenzeit hatte ich Passwort und Anmeldung vergessen, aber Du hast mich wieder motiviert. Werde nach den Feiertagen die Frechheit besitzen und Dich noch einmal fragen - da gibt es ein paar Details, die mir noch nicht klar sind.

Als ich die Nachtabsenkung abgelehnt habe wegen Trägheit, kam ich mir vor wie ET. 'Nach Hause telefonieren will' -> 'keine Nachtabsenkung will'.

Danke und Schöne Weihnachten!
Katrin