Freitag, 24. Oktober 2008

Auf den Barrikaden

Wir sind große Fans des Musicals 'Les Miserables', in dem bekanntlich Barrikaden eine Rolle spielen. Gestern nachmittag stand ich dann auf den Barrikaden.

Der ganze obere Garten war im Grunde eine einzige Barrikade. Hinten links vor dem Gartenhäuschen eine übel riechende Öltank-Barrikade. Davor eine Riesen-Holzbalken-Barrikade. Dann vorne eine Schuttbarrikade auf der noch intakten Kellerdecke, darauf etwas schräg ein großer Bagger. Ganz vorne am Gehsteig ein Loch.

Auf der Schuttbarrikade neben dem Bagger zwei Helden. Die standen da. Und schauten, wer alles auf der Straße vorbei läuft. Als ich mich näherte, fragten sie, wer ich sei und brachen angesichts meiner Antwort in Jubel aus. Denn sie wussten nicht mehr weiter. Eigentlich hätten sie gerne die Barrikaden abtransportiert. Doch der eine Chef habe gesagt, das Holz komme da nach hinten. Der andere habe gesagt, das Holz komme weg.

Chef Nummer eins entpuppte sich als Herr Architekt-Mitarbeiter, zuständig für unser Projekt. Chef Nummer zwei war Herr Architekt höchstpersönlich. Die Helden haben weitere Bauchschmerzen. Denn in den Öltanks war noch Öl gewesen. Ich verstehe nicht, was genau das Problem sein soll - es war völlig klar, dass in den Tanks noch Bodensatz war. Schließlich hatten wir noch letzten Winter schnatternd versucht, diesen in die Heizung umzulenken. Erfolglos. Die Helden meinen, sie würden morgen Katzenstreu mitbringen, um das ausgelaufene (wüü büdde??) Öl zu binden. Bis auf die Ursache des penetranten Geruchs, die jetzt an meinem Erkenntnishorizont dämmert, verstehe ich nur Bahnhof.

Ach und die Kellerdecke könnten sie nicht so einfach einreißen, da müsse man erst die Balken rausziehen, damit das Treppenhaus nicht einstürzt. Ob das Treppenhaus noch benötigt werde. "Sicher wird das noch benötigt."

Herr Lieblingsnachbar fragte mich leicht verzweifelt, ob wir allen Ernstes vorhaben, all diese Barrikaden die nächsten Wochen sooo liegenzulassen. "Selbstverständlich nicht." "Aber der Chef hat gesagt, nix weg!", fällt mir einer der Helden in's Wort. Vielleicht sollte Chef, oder besser Sous-Chef, mal auf die Baustelle kommen. Ich rufe ihn an und zitiere ihn vor Ort.

Angekommen staunt er angesichts der Menge, die da zusammen gekommen ist. Die Helden sind etwas angerußt, sie haben das Holz umsonst im Garten gestapelt, jetzt muss es doch auf den Container. Der Sous-Chef ist ebenso wenig entzückt, denn die Helden wollen jetzt keine Öltanks mehr abtransportieren. Wir einigen uns darauf, dass das Kellerloch gefüllt wird, damit in Zukunft niemand reinfällt. Und der Rest morgen weg kommt. Alles andere wäre eine Zumutung für die Nachbarn.

Die Herren wollen sich alle in den Feierabend begeben, aber etwas irritiert mich. Als ein paar Kinder neugierig vorbei laufen, ist mir klar, was fehlt: der Bauzaun. Ich frage Sous-Chef, wo denn der ist. "Der kommt morgen." "Aber wir können das hier unmöglich so lassen." Also rufe ich die Helden aus ihrem leeren Riesentransporter zurück und wir basteln mit dem alten Jägerzaun eine provisorische Zugangs- und Absturzsperre. "Die Baustelle-Betreten-Schilder kommen dann auch morgen?" Der Sous-Chef meint, die seien immer am Bauzaun. Sicherheitshalber instruiert er die Helden, die wieder im Laster sitzen. Wir gehen vor zum Eingang des Herrn Mieters. Alles voller Schutt und Scherben. Sous-Chef holt die Helden aus ihrem Laster, die haben nämlich einen Besen.

Abends fällt mir ein, dass an diesem Bauzaun (oder sonstwo) eigentlich noch etwas hingehört.

Heute vormittag ruft der Baumengel an - er kommt heute auch. Wie schön, Herr Architekt ist im Urlaub, der Sous-Chef heute auch nicht da, aber telefonisch erreichbar. Kurzerhand ernenne ich Baumengel zum Bauleiter, damit die Helden nicht bei der nächsten auftauchenden Frage tatenlos auf den Barrikaden sitzen. Mittags fahre ich hoch, Baumengel vermeldet, dass wieder Öl ausgelaufen ist. Was zum Kuckuck ist das mit diesem Öl?

Der Held am Baggersteuer ist richtig sauer und erklärt mir, demnächst dürfe ich ihm Kuchen ins Gefängnis schicken. Ich backe grundsätzlich keinen Kuchen. Aber was ist hier los, es stinkt noch ekeliger als gestern. Wie ist diese verd... Ölkiste überhaupt entstanden? Held blufft mich an, wir hätten die Tanks leeren müssen, das nächste Mal würden sie ein schriftliches Zertifikat verlangen. Ich verstehe immer noch Bahnhofer.

Die Handynummer des Sous-Chefs ist auf's Büro umgeschalten, dort sitzen die beiden kompetenten und zuverlässigen Damen. Sie kümmern sich um die Öl-Kiste. Nebenbei frage ich, wo dieser Punkt eigentlich ist. Da war bei der Baugenehmigung nämlich so ein roter Zettel mit bis zu 10.000 Euro Konventionalstrafe. Die Damen sagen mir zu, sich zu kümmern, der sei sicher im Büro.

Herr Sous-Chef ruft mich an, berichtet, dass die Ölkiste geklärt würde. Der Abbruchunternehmer hätte prüfen und feststellen müssen, dass da noch ein klitzekleiner Rest in den Tanks gewesen sei. Aha. Ich frage ihn nach dem Punkt, rot oder grün oder halt Punkt. Schweigen. "Hallo?" "Äh, ja, der ist wohl im Büro." "Haben Sie ihn denn beantragt?" Schweigen. "Hallo, Herr Sous-Chef, sind Sie noch dran." "Ähm, ja, also den Abriss habe ich genehmigen lassen. Ob wir dazu einen roten oder grünen Punkt brauchen, werde ich klären." Langsam werde ich unruhig und teile ihm mit, dass ich etwas Bauchgrimmen bekomme. Er beruhigt mich, es sei alles nichts tragisches. Na denn.

Zum Mittagessen genehmige ich mir ein Steak, dann folgt eine Stunde Bürokratiekram. Niemand meldet sich, ich mache mich auf den Weg zur Baustelle und rufe im Büro an. Die Baustelle sei gestoppt, man habe keinen Punkt. Ich fahre sprachlos weiter, will die gestoppte Stelle begutachten. Da ruft Herr Sous-Chef an. Ein Schreiben sei ausgefüllt worden, habe aber nicht das Büro verlassen. Er habe bereits mit dem Bauamt telefoniert, so etwas passiere öfter und Montag bekomme er den ominösen Punkt.

Angekommen sehe ich, dass die Baustelle ungestoppt weiterläuft und schon viel ordentlicher aussieht. Auf dem Bagger jetzt ein sehr aktiver Mann, der sich mir als Herr Abbruchunternehmer vorstellt. Er erklärt mir die Ölkiste. Herr Sous-Chef hatte ihm gesagt, dass die Tanks abgepumpt seien. Und ob er denn bitte bitte alles aufräumen dürfe, er habe noch nie eine Baustelle so hinterlassen wie es Sous-Chef angewiesen habe. Ich würde mich im Übrigen wegen eines illegalen Müllablageplatzes in eine problematische juristische Situation bringen, wenn das Zeugs so liegenbliebe. Er habe von vorneherein gesagt, dass es keinen Sinn mache, das Holz hinten im Garten zu lagern. Und wenn ich finanzielle Probleme hätte, könne er gerne bis zum zweiten Einsatz mit der Bezahlung warten.

Mein letztes Telefonat mit Herrn Sous-Chef hatte eine gewisse Schärfe, weil er unschuldig meinte, was ich denn hätte, außer dem Punkt (der völlig untragisch sei) sei doch nichts schiefgelaufen. Ich wollte nichts mehr aufzählen, fragte ihn stattdessen, was genau er denn vorbereitet habe.

Ich danke den Nachbarn, die statt dem Bauamt heute mittag mich auf den Punkt ansprachen. Den Kindern, die zwei Tage und Nächte nicht in die ungesicherte Grube gefallen sind. Den Damen im Büro, die heute mittag alles dafür taten, den nicht ausgefüllten Genehmigungsantrag auszufüllen. Genau der, der angeblich ausgefüllt war und nur das Büro nicht verlassen hatte. Wieso zum Kuckuck muss der dann zum Abbruchunternehmer gefaxt werden?

Shit happens, kein Thema. Aber eines mag ich ganz und gar nicht: wenn man ihn auf andere schiebt. So nicht.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Oh, es geht weiter?
Was war denn in der Zwischenzeit?

:: Katrin hat gesagt…

Nun ja - es geht schrittchenweise weiter. Bis 2012 werden wir es aber geschafft haben.

In der Zwischenzeit hatte sich Unangenehmes ereignet, was aber hoffentlich zu angenehmen Resultaten führen wird. Schrittabfolge 'eins zurück, zwei vor'.